Heute wollen wir uns wieder damit beschäftigen, welche grundsätzlichen Möglichkeiten wir haben, um neue Verhaltensweisen mit unseren Tieren zu trainieren.

Anfangs ist immer auch die Umweltgestaltung ausschlaggebend – in bekannter, reizarmer und ggf. adaptierter Umgebung kann das neue Zielverhalten optimal trainiert werden.

Im 1. Teil dieser Reihe haben wir uns mit dem “Locken” und mit dem “Targettraining” beschäftigt – zwei meiner Lieblingsmethoden:
https://online.artgerecht-wohlerzogen.dog/moeglichkeiten-neue-verhaltensweisen-zu-trainieren-teil-1-locken-und-targettraining/

Im 2. Teil dieser Reihe ging es um das Modellieren (Modeling) und um das Formen (Shaping):
https://online.artgerecht-wohlerzogen.dog/moeglichkeiten-neue-verhaltensweisen-zu-trainieren-teil-2-modellieren-modeling-formen-shaping/

Heute besprechen wir 2 Methoden, von denen man mit der Einen – dem Einfangen (Capturing) – SOFORT das Endverhalten nützt. Die andere Trainingsmethode – das Nachahmen (Mimikry) – benötigt jedoch Einiges an Vortraining. ABER: hat der Hund es erst Mal verstanden, kann man damit extrem schnell völlig unbekannte Verhaltensweisen trainieren.

Neue Verhaltensweisen trainieren durch Einfangen (Capturing)

Was bedeutet Einfangen?

Ein Verhalten einfangen bedeutet nichts Anderes, als etwas, das der Hund spontan zeigt, zu verstärken.
Das bedeutet: der Hund senkt seinen Vorderkörper zum Boden (macht also im Prinzip eine “Verbeugung”) und ich belohne dieses angebotene Verhalten, wodurch der Hund es in Zukunft häufiger zeigen wird.

Die Vorteile des Einfangens

Das Einfangen von Verhaltensweisen hat den enormen Vorteil, dass man schon das fertige Endverhalten einfängt.
Der Hund bietet etwas an, was uns “gefällt” und das Einzige, was wir “im Training” tun müssen ist, dieses Verhalten zu belohnen.
[Anm.: … und unter Signal setzen … – aber dazu später mehr]

Wir ersparen uns also erst Mal das ganze “mühsame Trainieren”!

Welche Voraussetzungen braucht es, um  Verhalten einzufangen

Aber um ein Verhalten einfangen zu können, muss der Hund dieses Verhalten grundsätzlich in seinem Repertoire haben.
Ein Verhalten, das der Hund nicht oder sehr selten zeigt, kann man auch nicht (oder nicht effizient) einfangen!

Ich wollte Petzi gern mal beibringen, auf Signal zu knurren. Ich fand das cool, weil es viel gefährlicher klingt, als das Bellen auf Signal und ich war schließlich zu jeder Tages- und Nachtzeit mit ihm alleine in der Pampa unterwegs.

Dumm nur, dass der Petzi KEIN EINZIGES MAL in seinem ganzen Leben geknurrt hat … Somit konnte ich es auch nicht belohnen und “vermehren”.

Die Nachteile des “wildwuchsartigen” Einfangens

So praktisch es ist und so süße Verhalten man auch “einfangen” kann, muss man doch auch diese Methode mit Bedacht anwenden.

Wenn ich mir über den ganzen Tag hinweg schicke Verhaltensweisen meines Hundes einfange, wird mein Hund auch für sich den Vorteil daraus erkennen lernen. Nämlich: dass man sich durch das Anbieten von Verhaltensweisen z.B. Leckerli verdienen kann.
Das Ergebnis kann dann sein, dass man sich unverhofft einen hibbeligen Hund generiert, der ständig 1000 Dinge probiert, weil es sich immer wieder mal lohnt.

Daher sollte man sich überlegen, welche(s) Verhalten man gerne hätte, diese(s) gezielt einfangen und DANN aber auch auslösbar machen, indem die Verhaltensweisen unter Signal gesetzt werden.

Eingefangenes Verhalten unter Signal setzen

So nett und lustig es ist, wenn ein Hund sich – situationselastisch – verbeugen kann, möchten viele Menschen ein Verhalten gern auch “auslösbar” machen und gezielt einsetzen können.

Zum Beispiel ist eine Verbeugung ein nettes Verhalten für den Beginn oder das Ende eines Therapiebegleithunde-Einsatzes.

Dazu muss es unter ein Signal (ehem. Kommando genannt) gesetzt werden.
Um ein Verhalten (effizient) unter Signal setzen zu können, muss

  • das Verhalten nicht nur ausreichend oft vom Hund gezeigt werden (was durch die “spontane” Verstärkung passieren würde)
  • sondern es muss auch “vorhersagbar” auftreten, denn am Schnellsten bekommt man ein Verhalten dann unter Signal, wenn man das Signal (Wort oder Zeichen) direkt VOR dem Zielverhalten gibt. So bekommt man die PERFEKTE Verknüpfung!

Das bedeutet, dass man auch wissen sollte, wann das Zielverhalten vom Hund SEHR WAHRSCHEINLICH gezeigt werden wird.
Am Beispiel der “Verbeugung”: Viele Hunde verbeugen (strecken) sich fallweise oder regelmäßig, wenn sie nach einem Nickerchen aufstehen.
Beobachtet also eure Hunde und wenn sie sich verbeugen, markert das und belohnt danach.
Sobald eure Hunde sich nach dem Aufstehen verlässlich strecken, könnt ihr das Signal (z.B. “Diener”) direkt davor geben – die Verbeugung wieder markern und danach belohnen.

Ab da, wo eure Hunde nach dem Signal verlässlich die Verbeugung (oder sonstige eingefangenes Verhalten) zeigen, sollten sie OHNE Signal für das entsprechende Verhalten nicht mehr verstärkt/belohnt werden.
So verhindert ihr, dass euer Hund aufmerksamkeitsheischend herum hibbelt.

 

Das Nachahmen (Mimikry) – “Do-as-I-do”

Im Gegensatz zum “Einfangen”, wo das spontan angebotene Verhalten verstärkt und unter Signal gestellt wird, erfordert das Nachahmen zunächst längerfristiges Training, bis es gezielt als Trainingsmethode eingesetzt werden kann.

Wie kann man das Nachahmen gezielt trainieren?

Um dem Hund die Aufgabe verständlich zu machen, übt man zunächst mit Verhalten, die der Hund schon auf Signal ausführen kann.

Dabei geht man so vor, dass man zuerst selbst das Verhalten vor dem wartenden Hund vorzeigt, also z.B. dass man selbst winkt.
Dann nützt man ein “generalisiertes” Signal mit der Bedeutung: “Mach es mir nach”! Bei Nellie habe ich dazu “DO IT” gesagt, bei Niki sage ich “COPY”.
Danach löst man das Verhalten beim Hund mit dem bekannten Signal aus – z.B. “WINKEN”.
Der Hund winkt.

Wenn man das nach einem guten Trainingsplan mit mehreren Verhalten praktiziert, kann der Hund bereits auf das “allgemeine Startsignal” COPY oder DO-IT zu winken etc. beginnen.

Hier seht ihr in einem Video, wie das aussehen kann.
Damit ich nicht in “Muster” verfalle, schaue ich vor jeder Übung immer auf meinen Zufallsplan – schließlich sollte Nellie ja keine Abfolge von Verhalten lernen, sondern mich imitieren – egal in welcher Reihenfolge die Übungen vorgezeigt werden:

 

Was genau kann “nachahmen” bedeuten

Beim Nachahmen kann man gezielt verschiedene Strategien verfolgen.

Man kann dem Hund beibringen, das vorgezeigte Verhalten “exakt” nachzumachen. Das wäre z.B. wenn man selbst mit der Hand einen Buzzer drückt, soll der Hund seine Pfote zum Imitieren verwenden.

Man kann das Training aber auch so gestalten, dass der Hund zwar nicht das gleiche Verhalten ausführt, aber das gleiche Resultat erzielt. Zum Beispiel könnte der Mensch den Buzzer mit der Hand drücken, der Hund könnte den Buzzer mit der Nase betätigt. Beide Male wird der Buzzer ein Geräusch machen.

Wie kann man Do-as-I-do gezielt als Trainingsmethode verwenden?

Aber Do-as-I-do muss nicht nur “Selbstzweck” sein, sondern man es auch gezielt nützen, um mit dem Hund sehr rasch neue Verhaltensweisen zu trainieren.

Im Prinzip muss man 4 Schritte mit dem Hund durchlaufen, um “Do-as-I-do” als Trainingsmethode für NEUE durch SIGNAL AUSLÖSBARE Verhaltensweisen nützen zu können:

  1. Zunächst muss der Hund mal die Regel des Imitierens verstehen.
  2. Diese Regel muss generalisiert werden.
  3. Dann kann man die Methode des Nachahmens nützen, um neue Verhaltensweisen durch Vorzeigen per se “auszulösen”.
  4. Als letzten Schritt würde man die neuen Verhaltensweisen unter Signal setzen, damit sie z.B. durch Wort- oder Sichtsignale (ehem. Kommandos genannt) abgerufen werden können, ohne dass man sie davor vorzeigen würde.

Mehr über das soziale Lernen und “Do-as-I-do” könnt ihr auch im nächsten Newsletter erfahren!
Außerdem wird pünktlich zu den Weihnachtsfeiertagen mein Online-Kurs “Do-as-I-do // Mach’s mir nach” beginnen!


https://online.artgerecht-wohlerzogen.dog/kurse/do-as-i-do-machs-mir-nach/

Wer Zeit und Lust hat, schaut gern rein 🙂