Bereits seit vielen Jahren beschäftigt sich die Forschung mit dem sozialen Lernen, also dem Lernen durch Beobachtung, bei Hunden.

Arten des sozialen Lernens

Dabei haben sich folgende Arten des sozialen Lernens herauskristallisiert:

Contagion, die “Ansteckung”

Hierbei handelt es sich um allelomimetische Verhaltensweisen, also um die sogenannte Stimmungsübertragung.
Berühmtestes Beispiel hierfür ist das Gähnen, das ja sogar “artübergreifend” ansteckend ist. Aber auch verhalten wie z.B. heulen, bellen, sich hinlegen etc. können ansteckend wirken.

Social Facilitation

Unter der “sozialen Förderung” versteht man im Kontext des sozialen Lernens, dass ein Verhalten gezeigt werden kann, wenn man vorher bereits der Aktion bzw. Tätigkeit eines Sozialpartners zugesehen hat.

Dabei kann es sich einerseits um eine örtliche Verstärkung handeln:
Der Hund sieht, dass ein Sozialpartner ein Verhalten an einem bestimmten Ort zeigt. Dadurch wird dieser Ort interessant und der Hund wird u.U. an diesem Ort auch ein Verhalten zeigen – mit etwas Glück sogar jenes, das der Sozialpartner zuvor gezeigt hat. Das wäre z.B. das Graben nach Würmern oder Mäusen etc.

Andererseits kann es sich auch um eine Verstärkung durch einen Reiz handeln: Wenn ein Sozialpartner sich mit einem Objekt beschäftigt, ist der Hund womöglich auch motiviert, sich mit diesem Objekt zu beschäftigen und u.U. damit auch ein ähnliches oder das gleiche Verhalten zu zeigen.

Bereits im Jahr 2006 zeigten Topál et al. in einer Fallstudie, dass ein Assistenzhund namens Philip Verhaltensweisen, die er zuvor erlernt hatte, in einem neuen Kontext zeigen konnte. Dabei handelte es sich eben um diese Form der Stimulus Facilitation. Philip konnte z.B. Verhalten nach der Vorführung durch eine andere Person nachmachen. Außerdem konnte Philip neue Verhalten nachmachen, die er zwar grundsätzlich bereits kannte, die aber noch nie zuvor durch “Vorzeigen” ausgelöst worden waren.

Dieses Grundprinzip habe ich auch im Training mit Niki genützt, indem ich das “Do-as-I-do” mit Objekten aufgebaut habe, was ihm deutlich leichter gefallen ist, als ich das bei Nellie vor Jahren beim Nachahmen von Körperbewegungen erlebt hatte.
Durch die Auswahl der Objekte konnte ich das Zeigen des erwünschten Verhaltens dabei durchaus begünstigen – z.B. ein breiter niederer Gegenstand zum Draufsteigen mit 2 Pfoten, ein kleiner niederer Gegenstand zum Antippen mit einer Pfote, ein Gegenstand in Kinnhöhe für das Kinntarget, etc.

Response Facilitation

Bei der Förderung einer Reaktion geht es darum, dass der Hund ein bereits erlerntes bzw. bekanntes Verhalten in eine neue Situation überträgt.

Auch das habe ich z.B. mit Niki im Do-as-I-do gezielt genützt, um das generalisierte “Nachmach”-Signal (COPY) zu trainieren. Hierbei habe ich neue Objekte herangezogen und damit bekannte Verhalten vorgezeigt. Es fiel Niki sehr leicht, diese Verhalten dann trotz der Veränderung nachzumachen.
Auch hier habe ich das Zielverhalten gefördert, indem ich zunächst relativ ähnliche neue Objekte verwendet habe.

Emulation

Emulation bedeutet, dass der Hund zwar nicht das exakt gleiche Verhalten ausführt, aber das gleiche Resultat erzielt.
Zum Beispiel könnte der Mensch den Buzzer mit der Hand drücken, der Hund könnte den Buzzer mit der Nase betätigt. Beide Male wird der Buzzer ein Geräusch machen.
Der Hund findet also im Prinzip eine eigene Lösung, um das gleiche Ergebnis zu erreichen.

Imitation

Last but not least gibt es noch die echte “Imitation”. Das bedeutet, dass der Hund ein neues Verhalten rein durch Beobachtung erlernt und dazu nur 1 Versuch benötigt – er macht also gleich beim 1. Mal das korrekte Verhalten nach, das ihm ein Sozialpartner vorgezeigt hat.

Eine besondere Form der Imitation ist die sogenannte “Überimitation”. Davon spricht man dann, wenn der Hund kausal irrelevante Handlungen getreu kopiert. Hier gab es an der VetMed in Wien einen Versuch, wo ein menschlicher Sozialpartner zuerst einen blauen, danach einen gelben Punkt an der Wand mit der Nase berührte und danach zu einem ca. 1,5m entfernten Schiebetürchen ging und dieses mit der Nase in eine bestimmte Richtung öffnete – dahinter gab es Futter. Der Test fiel folgendermaßen aus:

  • 20% der Hunde berührten die 2 Punkte in irgendeiner Reihenfolge und öffneten die Schiebetür in irgendeine Richtung
  • 20% der Hunde berührten die 2 Punkte in irgendeiner Reihenfolge und öffneten die Schiebetür in der vorgezeigten Richtung Richtung
  • 13% der Hund berührten die 2 Punkte in der vorgezeigten Reihenfolge und öffneten die Schiebetür in irgendeine Richtung
  • 13% der Hund berührten die 2 Punkte in der vorgezeigten Reihenfolge und öffneten auch die Schiebetür in der vorgezeigten Richtung

Umgehen einer Absperrung

In einem anderen Experiment wurde ein V-förmiger Zaun aufgestellt, dessen “Spitze” zum Hund zeigte.
Hinterhalb des Zaunes wurde – in der “Kerbe” des Zaunes” (also am nächsten Punkt zum Hund) – Fleisch angeboten.

Ließ man die Hunde einfach zum Zaun laufen, rannten sie direkt zur “Spitze” des Zaunes und gruben/kratzten dort.

Wenn jemand vorzeigte, dass man den Zaun entlang gehen und hinterhalb ans Fleisch kommen konnte, kopierten die Hunde dieses Verhalten sofort.

Was jedoch besonders interessant war, ist Folgendes:
Der Zaun hatte nahe des Fleisches eine Türe. Wenn diese Türe offen gelassen wurde, gingen jene Hunde, denen das Umgehen des Zaunes nicht gezeigt worden war, direkt durch die Türe zum Fleisch.
Jene Hunde, denen das Umgehen des Zaunes gezeigt worden war, liefen den Zaun entlang auf die andere Seite – sie kopierten also trotz der offenen Türe den Menschen.

Do-as-I-do im Vergleich zum Shapen

In einer anderen Studie wurde verglichen, ob Hunde durch “Do-as-I-do” oder durch “Shaping” schneller und effizienter lernen können.

20 “Do-as-I-do”-Trainer und 18 “Clicker”-Trainer sollten ihren Hunden 2 Verhalten beibringen:

  • Das Öffnen einer Schiebetüre als “objektbezogene Aufgabe”
  • In die Luft springen als “körperbezogene Aufgabe”

Die Ergebnisse zeigten, dass die Hunde mittels “Do-as-I-do” die Aufgaben schneller erlernten, besser auf Signal ausführen konnten und auch besser generalisierten.

Diese Daten berücksichtigen nicht die Zeit, die man aufwenden muss, damit der Hund die Methode des Imitierens auf Signal erlernt – diese Zeit fällt beim Freien Formen ja komplett weg.

Ansonsten ist es relativ klar, dass die Ergebnisse so aussehen müssen, da beim Freien Formen sehr viele “Zwischenschritte” abgearbeitet werden müssen, die beim Nachahmen wegfallen.
Zu Problemen, die sich beim Freien Formen niederschlagen, könnt ihr auch meinen Blog-Artikel zur Methode des Formens nachlesen.

Einen anderen Hund nachahmen

Die wissenschaftliche Literatur beschäftigte sich auch mit der Frage, ob Hunde Verhaltensweisen anderer Hunde nachahmen können.

In einer Arbeit von Tennie et al. wurde getestet, ob Hunde einem anderen Hund 2 Verhalten nachmachen würden, von denen ein Verhalten zuvor trainiert worden war, das zweite Verhalten nicht mit dem Hund trainiert worden war:

  • Bekanntes Verhalten (aber neues Signal): “PLATZ” in Sphinx-Stellung
  • Neues Verhalten: “PENG”, also Seitenlage

Diese Studie kommt zum Schluss, dass es selbst in gut trainierten Hunden keine Evidenz gibt, dass sie intranisitive (also körperbezogene) Verhalten nachahmen würden.

Umgekehrt kommt eine Studie von Miller et. al zum Schluss, dass über 90% der Hunde eine Platte in die gleiche Richtung schoben (transitive, also objektbezogene Aktion), die zuvor von einem anderen Hund vorgezeigt worden war.

Zeitversetzte Nachahmung

Eine weitere interessante Idee ist, dass Hunde getestet wurden, ob sie sich auch vorgezeigte Handlungen merken und mit Zeitverzögerung reproduzieren können.

Hierzu wurden 12 Hunde herangezogen, die die vorgezeigten Verhalten erst nach 1 bis 24 Stunden nachahmen sollten.
Als Vergleichsgruppe dienten 12 Hunde, die die gleichen Verhalten ohne Zeitintervall direkt nach dem Vorzeigen durch einen Menschen nachahmen sollten.

Während 83% der Hunde in der Vergleichsgruppe (sofortige Nachahmung) erfolgreich waren, konnten immerhin 72% der Hunde trotz der Zeitverzögerung die zuvor vorgezeigten Verhalten bis zu 24h später korrekt nachahmen.

Schlussfolgerung

Soziales Lernen bei Hunden ist ein spannendes Betätigungsfeld. Über welchen Mechanismus die Nachahmung exakt erfolgt, muss für jedes Setting spezifiziert werden.

Für unseren Hausgebrauch sind derartige Feinheiten nicht unbedingt relevant.
Do-as-I-do macht richtig Spaß und manchmal kommen Hunde dabei auch auf lustige Ideen, wie ihr im folgenden VIDEO von Niki sehen könnt 🙂

 

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Referenzen

Topál J., Byrne R.W., Miklósi Á., Csányi V. Reproducing human actions and action sequences: “Do as I Do!” in a dog. Anim Cogn 9:355–367 (2006)
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Huber, L., Popovová, N., Riener, S. et al. Would dogs copy irrelevant actions from their human caregiver?. Learn Behav 46, 387–397 (2018).
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Pongrácz P., Miklósi Á., Vida V., Csányi V. The pet dogs ability for learning from a human demonstrator in a detour task is independent
from the breed and age. Appl Anim Behav Sci 90, 309–323 (2005)
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Fugazza C., Miklósi Á. Social learning in dog training: The effectiveness of the Do as I do method compared to shaping/clicker training. Appl Anim Behav Sci 171, 146-151 (2015)
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Tennie C., Glabsch E., Tempelmann S., Bräuer J., Kaminski J., Call J. Dogs, Canis familiaris, fail to copy intransitive actions in third-party
contextual imitation tasks. Anim Behav 77, 1491–1499 (2009)
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Miller H., Rayburn-Reeves R., Zentall T.R. Imitation and Emulation by Dogs Using a Bidirectional Control Procedure. Behav Processes 80: 109–114 (2009)
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Fugazza C., Pogány Á, Miklósi Á. Do as I … Did! Long-term memory of imitative actions in dogs (Canis familiaris). Anim. Cogn. 19, 263-269 (2016)
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