Im April 2018 habe ich das Buch „Denkende Tiere – Der Kluge Hans und meine Pferde Muhamed und Zarif“ aus dem Jahr 1912 von Karl Krall gelesen. In diesem Buch geht es um den Klugen Hans, ein Pferd, das in täglichem (dem Volksschulunterricht vergleichbaren) Unterricht zählen und rechnen, buchstabieren und lesen gelernt haben soll. Krall hatte sogar die – damals visionäre – Idee, dass seine Pferde zu selbständige Äußerung, also zu „wörtlicher“ zwischenartlicher Kommunikation fähig seien.

 

Der Kluge Hans

Hans war ein Traber, der ursprünglich Wilhelm von Osten gehörte. Von Osten war ein pensionierter Lehrer. Nach dessen Tod ging Hans in den Besitz von Karl Krall über. Letzterer war häufig sowohl beim Unterricht als auch bei Vorführungen von Wilhelm von Osten und Hans dabei.

Hans und später auch die anderen Pferde von Karl Krall (Muhamed und Zarif) wurden z.B. darin unterrichtet, durch Huftritte zu buchstabieren oder zu rechnen etc., was auf Tafeln oder Schilder geschrieben war.

Ich war so beeindruckt und gefesselt von diesem Buch, das auch sehr detaillierte Trainingsaufzeichnungen enthält, dass ich danach auch noch verschiedene Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen zu diesem Thema durchgearbeitet habe, um dieses Phänomen richtig einordnen zu können.

 

Tests mit dem Klugen Hans

Nachdem die phantastischen Leistungen des Klugen Hans, der 4 Jahre lang täglich 4 Stunden unterrichtet worden war, zunächst niemanden interessierten, so bewirkte ein kleiner Zeitungsartikel im Sommer 1904 einen gewissen „Hype“ und es kamen immer mehr Zuschauer zu den öffentlichen Vorführungen mit Hans, die gratis besucht werden konnten.

Im September 1904 versuchte dann eine 13-köpfige wissenschaftliche Kommission unter der Leitung von Carl Stumpf, dem Phänomen auf den Grund zu gehen.

Ziel der Kommission war, herauszufinden, „[…] ob bei den Vorführungen des Pferdes des Hrn. V. Osten Tricks, d.h. beabsichtigte Hilfen oder Beeinflussungen stattfinden.“

 

Das Ergebnis der wissenschaftlichen Kommission

„Trotz aufmerksamer Beobachtung hat sich nichts von Bewegungen irgend eines Gliedes oder sonstigen Äußerungen, die dem Pferd als Zeichen dienen könnten, entdecken lassen. […] Hierunter befanden sich Versuche, bei denen nach seinem [Kommissionsrat Busch’s] fachmännischen Urteil Tricks nach der Natur der sonst üblichen Dressuren ausgeschlossen waren.“ Diese Untersuchung schloss auch Fragen an Hans ein, die dem Fragenden selbst nicht bekannt sein konnten.

Die Kommission ergänzt sogar noch: „Durch die Gesamtheit dieser Beobachtungen wird […] sogar auch das Vorhandensein unabsichtlicher Zeichen von der gegenwärtig bekannten Art ausgeschlossen.“ Zur Beobachtung unabsichtlicher Zeichen wurden verschiedene Mitglieder der Kommission mit der Beobachtung verschiedener Körperteile (Kopf, speziell Augen, rechte Hand, linke Hand) beauftragt.

Resumé der Kommission war also, dass die – durch Hans fast durchwegs richtig beantworteten Fragen – weder auf Zufall noch auf Tricks zurückzuführen waren.

 

Kritik an diesem Gutachten

An diesem Gutachten gab es jedoch auch Kritik: Zahlreiche Kommissionsmitglieder waren zuvor regelmäßige Gäste bei den öffentlichen Vorführungen – man warf ihnen also Voreingenommenheit vor. Da sie sich bereits zuvor öffentlich – mündlich und schriftlich – zu Hans bekannt hatten, hätten diese honoren Persönlichkeiten ihr Gesicht verloren, wenn sie zugegeben hätten, dass sie hinters Licht geführt worden wären.

Die Kommission hätte auch nicht mit hinreichender Gründlichkeit alle Fehlerquellen ausgeschlossen und sei auch nicht dem entscheidenden Problem nachgegangen, ob nämlich Zeichengabe absichtlicher oder unabsichtlicher Art auszuschließen sein.

 

Systematische Untersuchungen zur weiteren Aufklärung des Phänomens “Hans”

Nach diesem ersten Gutachten wurde das Phänomen Hans daher systematisch (weiter) untersucht – dabei ging man sehr sorgfältig vor:

  • Bei diesen Experimenten wurde ein Zelt im Hof errichtet, um Zeichengebung aus der Ferne auszuschließen.
  • Fragen, die weder dem Fragenden noch den Zuschauern bekannt waren, wurden abgewechselt mit Fragen gestellt, die allen Anwesenden bekannt waren.
    Anmerkung:

    • Das ist eine elegante Methode, um einerseits durch das „Nichtwissen“ des Fragestellers und der Zuschauer zu testen, ob Hans zur Beantwortung der Fragen Signale nützt.
    • Andererseits versichert man sich zwischendurch immer wieder, dass Hans unter den vorherrschenden Bedingungen „wie sonst auch“ arbeiten konnte, wenn Fragesteller und Zuschauer die Fragen und somit auch die Antworten kennen.

 

Detailergebnisse der neuen Untersuchung

In diesen Versuchen sollte Hans u.a. folgende Aufgaben lösen und bewältigte dies folgendermaßen:

  • Zahlen stampfen, die auf Karten geschrieben waren
    • 49x war die Zahl dem Fragesteller unbekannt –> 4 richtig / 45 falsch
    • 42x war die Zahl dem Fragesteller bekannt –> 41 richtig / 1 falsch
  • Worte, die auf Karten geschrieben waren, in Fußtritte “übersetzen”
    • 12x war das Wort dem Fragesteller unbekannt –> 0 richtig / 12 falsch
    • 14x war das Wort dem Fragesteller bekannt –> 14 richtig / 0 falsch
  • Zahlen addieren, die ihm von 2 verschiedenen Personen Zahlen ins Ohr geflüstert worden waren
    • 31x war die Zahl dem Fragesteller unbekannt –> 3 richtig / 28 falsch
    • 31x war die Zahl dem Fragesteller bekannt –> 29 richtig / 2 falsch

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Hans meist dann richtig antwortete, wenn der Fragende die Antwort kannte, jedoch versagte, wenn dies nicht der Fall war.

Ähnliche Ergebnisse lieferten auch Fragen nach dem Wochentag eines bestimmten Datums und nach der Tonhöhe bestimmter Töne.

 

Über welche(n) Sinn(e) bekommt Hans seine Information

Man vermutete, dass Hans optische Signale nützte. Man versuchte daher, Hans mit großen Scheuklappen die Sicht zu nehmen. Das war schwierig, weil Hans vehement versuchte, den Fragesteller im Blick zu behalten. Die Fragen wurden dann abwechselnd so gestellt, dass der Fragende die Frage zuerst hinter Hans stehend stellte und nach Hans‘ Antwort die gleiche Frage vor Hans stehend wiederholte. Auch hier wusste Hans die Antworten fast nur, wenn er den Fragenden sehen konnte.

Was noch dafür spricht, dass Hans optische Signale zur Hilfe nahm ist, dass er meist mehr auf den Fragenden fokussiert war, als auf die Dinge, die er zählen oder lesen sollte. Zudem antwortete er unsicherer, wenn es dämmerte, ließ sich durch Zwischenrufe nicht ablenken und stellte kaum je seine Ohren Richtung des Fragenden.

Das aus den durchgeführten Versuchen verfasste 2. Gutachten hält fest, dass Hans weder zählen, noch rechnen, noch schreiben kann.

 

Die Zeichen

Folgende Zeichen wurden an Fragenden und Zuschauern festgestellt:

  • Vorbeugen des Fragenden bei Fragestellung, um den Huf besser zu sehen = Startsignal für Hans’ Klopfen
  • Heben des Kopfes bei Erreichen der Anzahl, weil der Fragende nicht mehr so konzentriert sein musste = Endsignal für Hans’ Klopfen
  • Geradestehen nach dem Versuch = „Negativsignal“
    Wenn das Geradestehen nicht direkt auf das Heben des Kopfes folgte, klopfte Hans nochmal, aber links (Anm.: und wohl auch unsicherer)
  • Perfektes Stillstehen der Menschen „verhinderte“ Hans’ Klopfen
  • Weites Vorbeugen anderer Personen beschleunigte das Klopfen
  • Nicken, verneinen sowie rauf, runter, links und rechts wurden entsprechend der menschlichen Signale wiedergegeben
  • Richtige Gegenstände anzeigen oder bringen erfolgte analog zu Position, Ausrichtung bzw. Blickrichtung der Anwesenden

Hrn. Pfungst ist es sogar gelungen, die verschiedenen Bewegungsarten gezielt nachzumachen und Hans dadurch zu steuern.

Anmerkung:
Meines Erachtens könnten Pferde als Fluchttiere eine besondere Begabung für derart feine Zeichen haben, da das weiträumige und frühe Erkennen kleinster Bewegungen einen Überlebensvorteil bringen kann.

 

Tests mit Versuchspersonen

Pfungst führte im November 1904 am Psychologischen Institut an der Uni Berlin noch folgenden Versuch durch:

Er holte nacheinander 25 Versuchspersonen, die nicht wussten, worum es ging, herein und forderte sie auf, sich eine Zahl zu denken. Daraufhin klopfte er mit der Hand genauso oft auf den Tisch. In 23 der 25 Fälle gelang es ihm, die unwillkürlichen Körpersignale der jeweiligen Person zu erkennen und die Zahl herauszufinden.

 

Die Triebfeder für Hans‘ Verhalten

Laut Gutachten vermutete man „Brot und Mohrrüben“ als Triebfeder für Hans‘ Verhalten – das würde unserem modernen, freundlichen Training mit positiver Verstärkung entsprechen.

 

Strafe versus Belohnung

Tatsächlich war Wilhelm von Osten jedoch häufig sehr grob mit Hans. Bei Fehlern oder “fehlender Motivation” wurde er kräftig gezüchtigt (wie das in der Schule damals auch noch üblich war).

Daher denke ich, dass die Triebfeder von Hans’ Fähgikeiten eher in der Jähzornigkeit des Hrn. von Osten lag.

Ich persönlich nehme an, dass Hans eine große Motivation hatte, richtig zu antworten und die Zeichen gut deuten zu lernen, um schwere Misshandlungen und Schmerzen zu vermeiden!

 

Veränderungen nach dem Tod Wilhelm von Osten’s

Hans ging nach dem Tod von Hrn. von Osten in den Besitz von Karl Krall über, der weiter mit ihm arbeitete und auch 2 andere Hengste, Muhamed und Zarif, entsprechend ausbildete.

Karl Krall ging mit deutlich mehr Grips, mehr Feingefühl und mehr Empathie an den Unterricht heran.

Er überlegte sich z.B. ein anderes „Trittmuster“ für Antworten – es wurden z.B. die Einerstellen von Zahlen mit dem rechten, die 10er-Stellen mit dem linken, die 100-er Stellen wieder mit dem rechten Fuß etc. getreten und er vereinfachte auch bei Buchstaben das Muster derart, dass häufig vorkommende Buchstabe nur wenige Tritte erforderten.

 

Was blieb? Der Kluge-Hans-Effekt!

Als der Kluge-Hans-Effekt bezeichnet man heute als die unbewusste einseitige Beeinflussung des Verhaltens von Versuchstieren, insbesondere in die Richtung, dass der beim Versuch erwartete Effekt eintritt.

Durch gute wissenschaftliche Praxis – wie z.B. Doppelblindstudien oder unaufdringliche Messungen sowie durchdachten Versuchsaufbau – können viele unerwünschte Effekte in wissenschaftlichen Studien hintangehalten werden.

 

Mein Fazit zum Klugen Hans 

Ich war von Karl Krall’s Buch total gefesselt und begeistert von vielen „Trainingsideen“, die ich dem Buch entnehmen konnte. Vor allem war ich euphorisch was die Kommunikationsmöglichkeiten mit Tieren betrifft.

Je weiter ich im Buch vorankam, desto unglaublicher wurde jedoch die Erzählung. Warum sollte es nur von Osten und Krall gelungen sein, so rasch derart außergewöhnliche Erfolge zu erzielen – auch wenn die beiden extrem fleißig waren und täglich 4 Stunden trainierten.

 

Erstaunliche Leichtgläubigkeit

Was mich insbesondere in Bezug auf Hans erschreckt, ist die erstaunliche Leichtgläubigkeit der unzähligen Experten, denn die Art der Fragestellung an Hans war sehr komplex und erfolgte nicht in Form von „Signalen“, wie wir sie im Training nützen, sondern in teilweise enorm verschachtelten ganzen Sätzen. Es wurden auch Fragen von Hans korrekt beantwortet, die z.B. auch ein absolutes Gehör voraussetzen. UND es wurden auch „gedachte“ Fragen richtig beantwortet.

Ich habe mir meinen kritischen Blick auf viele Dinge über Jahre erarbeitet – v.a. auch, aber nicht nur, durch meine langen Jahre in der Grundlagenforschung und als Gutachter für wissenschaftliche Fachzeitschriften. Auch als TOP-Trainerin habe ich gelernt, viel genauer auf zahlreiche Details zu achten.

Ich empfehle dennoch ausdrücklich, das Buch „Denkende Tiere“ selbst zu lesen (siehe Referenzen). Es ist spannend, es liefert außergewöhnliche Trainingsideen und es enthält eine hervorragende Dokumentation des Unterrichts, der durchgeführten Versuche und der daraus resultierenden Gedanken.

 

Was wir für das Hundetraining mitnehmen und beachten sollten

Für mich gibt es 3 wichtige Schlussfolgerung für unser Hundetraining:

  1. Wenn es darum geht, dass unser Hund selbständig z.B. Unterscheidungsaufgaben, Konzepte, Suchaufgaben etc. lösen soll, müssen wir den “Klugen-Hans-Effekt” immer im Kopf haben! Wir müssen möglichst “neutral” arbeiten, ohne bewusste oder unbewusste Hilfen zu geben oder in Muster zu verfallen. Je wichtiger eine Aufgabe ist (z.B. beim Diabetiker-Warnhund) umso mehr müssen wir im Training variabel sein und falsche Verknüpfungen oder Rituale vermeiden. Wir müssen uns ständig neue Wege ausdenken, um zu überprüfen, ob der Hund tatsächlich die Aufgabe löst, oder “nur” unsere Körpersprache oder Rituale verstanden hat.
  2. Das “nur” ist hier bewusst in Gänsefüßchen gesetzt! Denn es ist sehr beeindruckend, dass ein Pferd eine ganze Reihe an Wissenschaftlern in ihren Schlussfolgerungen so massiv täuschen konnte. Und das ist auch eine sehr wichtige Information für unseren Umgang mit unseren Tieren.
    Denn wenn wir uns bewusst sind, wie gut uns unsere Tiere durch Beobachtung einschätzen können, erkennen wir auch, wie leicht wir sie z.B. auch durch unsere Enttäuschung über einen Fehler demotivieren oder verunsichern können.
  3. Auch wenn wir reine Hör- oder Wortsignale trainieren wollen (wie es z.B. beim Rückruf oder beim Ausspucken von gefundenem Futter nötig ist), müssen wir extrem auf unsere Körpersprache achten und das Training so steuern, dass dem Tier, auch wenn es uns nicht sehen kann (z.B. beim Jagen oder beim Fressen von Gefundenem, dennoch völlig klar ist, welche Aufgabe es gerade zu erfüllen hat!

 

Referenzen

 

Wer zusätzlich zum Newsletter auch Kursinformationen für die Hundeschule in Sooß erhalten möchte, schreibt mir bitte noch eine kurze E-Mail – danke!